reflections

Bulimie

Bulimie ist nicht das, was die meisten Leute denken.
Bulimie ist nicht einfach mal zu kotzen, weil man zu viel gegessen hat oder weil man der Tafel Schokolade, nicht wiederstehen konnte. Nein, so einfach ist das nicht.
Bulimie kommt nicht einfach so. Ist nicht einfach so da. Wer steckt sich gern nach jedem Essen, den Finger in den Hals würgt, bis alles nach und nach hochkommt. Jeder der das schon mal gemacht hat, weiß, dass es auch nicht so einfach geht, das Kotzen. Es ist würgen, es ist das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Die Augen tränen, die Nase läuft. Vor allem heißt kotzen noch lange nicht, dass ein Großteil von dem, was man gegessen hat, wieder draußen ist. Nein, meist ist der Großteil sogar noch drin. Wer hätte es gedacht, doch richtig kotzen, effektiv zu kotzen, das braucht Übung, Übung und viel Erfahrung,
Jeder, der Bulimie hat, der muss auch schon mal in irgendeiner Weise Anorexie, Magersucht gehabt haben, ganz egal in welchem Ausmaß er da drin gesteckt hat.
Bulimie ist die Folge der Anorexie, meistens. Denn hungern bedeutet abnehmen. So fängt man damit an, mit dem hungern, ein ganz logischer Schritt. Doch geht es nicht lange gut, zumindest beim Großteil nicht. Dann kommt der so allbekannte, der überall verhasste Heißhunger, der oft noch unterstützt wird, von den Leuten, die einem Druck machen, einen zwingen dies und das zu essen und ihn damit noch mehr aus einem herausholen.
Bulimie ist gleich Heißhunger. Bulimie ist absoluter Kontrollverlus. Es ist die absolute Entfremdung der eigenen Vorstellungen und Wünschen, von dem was und wie viel man isst, essen darf, essen muss. Es ist fressen. Es ist, etwas so schnell zu essen, dass man es gar nicht richtig schmeckt, es nicht genießen kann, darum gehts dabei auch nicht. Es geht bei der Bulimie nicht darum zu essen, weil man Hunger hat, es ist essen, weil der Kopf es will, egal ob man Hunger hat, egal ob man schon voll ist, eigentlich gar nicht mehr kann. Es ist essen, weil man muss und gleichzeitig darf man nicht. Man hasst sich schon, bereut es schon, währendessen man isst.
Bulimie ist aber auch hungern, natürlich. Es ist die Folge des Hungerns, warum sollte man das hungern aufgeben? Man hungert und hungert, man verzichtet immerzu. Man macht all das, was man vorher schon gemacht hat, nur dass der Heißhunger, die Gier, die Disziplinlosigkeit diesem Prozetere in die Quere kommt, es unterbricht. Es ist hungern und fressen, hungern und fressen. Normal essen, das gibt es nicht, voher wie nachher nicht.
Bulimie ist das Auskalkulieren von Zahlen und Zeiten. Es ist zu wissen wie viel Kalorien was hat, wie lange es dauert, bis man dies und das verdaut hat, wie lange Zeit man hat, es auszukotzen. Es ist zu wissen, dass, wenn man die Schokolade nach dem Salat isst, trotzdem nur der Salat hochkommt. Es ist das Planen, wie lange man Zeit hat, bis der Mann wieder nach Hause kommt. Wann man sauber machen kann, den Müll rausbringen kann oder wie viel Zeit man dazu hat. Es ist Verheimlichen. Verheimlichen, was man gekauft, was man gefressen hat, wie man es entsorgt, dass man gekotzt hat - es ist das Verwischen aller Spuren, immer wieder. Niemand darf was mitbekommen.
Bulimie ist das Ablegen aller Hemmungen und Peinlichkeiten. Man hat keine Hemmungen mehr sich über die Kloschüssel zu beugen, sich die Finger in den Rachen zu stecken. Es macht einem irgendwann nichts mehr aus, dass die Hände, Arme voller Kotze sind,. Es ist egal, dass der Rotz beim Kotzen das Gesicht hinunterläuft, dass die Nase blutet, dass die Tränen laufen und laufen und man weiterkotzt, weiter hochwürgt. Das verzweifelte nach Tipps suchen, wie es einfacher geht: Kaffee mit Salz trinken, zwei Liter Sprudelwasser hinunterwürgen...
Man verliert die Hemmungen, denn das alles, über was alle nur den Kopf schütteln würden, falls man es ihnen erzählen würde, dass es einfach nur "eklig" ist, das alles gehört dazu. Genauso damit, dass einem nichts mehr peinlich ist. Doch natürlich ist einem peinlich jeden Tag in den Laden im Ort zu gehen, jedes mal so und so viele Schokoladentafeln, Kekse oder Kuchen zu kaufen, immer die selbe Kassiererin vorzufinden, die sonst was denken muss. Es ist einem peinlich, doch man lässt nicht mehr so an sich ran, man verbietet darüber richtig nachzudenken, denn macht man es ja trotzdem. Man muss ja tun, denn zwingt einem irgendetwas sehr starkes, es zu machen, es einfach zu machen...

Doch Bulimie bedeutet vor allem Selbsthass. Denn ist es man ja selber, der sich das antut, der die Kontrolle so verliert, der einen mit so viel Scham bedeckt. Ja, es ist Scham. Man würde es nie jemandem erzählen. Zu sagen, dass man Bulimie hat, ist dann eben doch so viel einfacher, als das zu erzählen, was ich hier aufschreibe. Doch ist es auch schmerzhaft, denn versteht niemand, weiß niemand, was es wirklich ist, was es wirklich bedeutet, Bulimie ist Versagen. Kontrollverlust. Scham. Hass. Ein schmerzhafter Hass. Es ist das Verlieren, aller Würde, die man mal hatte.

Das Gegeneinander spielen von so vielen Persönlichkeiten in einem. Ständig dieser Drang zu essen, dieser Zwang zu kaufen und zu essen und gleichzeitig dieser riesige Wunsch, das riesige Muss, abzunehmen. Dieser Hass, weil man fett ist, weil man selbst Schuld ist, weil man einfach nichts auf die Reihe bekommt. Man kämpft, ja, man kämpft und kämpft.Und mit jeder Heißhungerattacke verliert man einen Kampf, fällt hin und doch steht man auf, nur um dann wieder zu verlieren.

Bulimie... es ist schrecklich, es ist ein Teufelskreis. Es ist der Hass, der Verzicht und der Drang, der Zwang, die gegeneinander spielen, immer und immer wieder. Der Hass auf einen selbst, das ist das, was bei dem Ganzen entsteht, was nachvollziehbar ist,.

jeder, der kotzt, der das hat, Bulimie, der will wieder zurück, zurück in die Zeit, als das Hungern noch seine Welt war. Zurück zum Hungern, nur um dann, ein dreiviertel Jahr später wieder zu kotzen. Es ist ja wirklich schon fast lächerlich, doch ist es das. Normal gibt es nicht, wird es nie geben.
Magersucht eine tolle Sache ist. Nein, ganz im Gegenteil. Dauernder Schwindel, Kopfschmerzen, Bauchkrämpfe, das alles ist vertreten. Doch, was mich angeht, so bin ich lieber richtig in der Magersucht verfangen, als Bulimie zu haben.

2.4.15 07:58

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